July 29, 2026

Wegzug aus Deutschland: Was sich steuerlich ändert

Wer Deutschland verlässt, beendet damit nicht automatisch seine steuerlichen Pflichten. Was beim Wegzug steuerlich zu beachten ist — von der Wohnsitzaufgabe über die beschränkte Steuerpflicht bis zur Wegzugsbesteuerung.

Blog Img

Stand: Juli 2026 · Giulia Uggias-Sproß, Steuerberaterin (M.A. Taxation)

Der Wegzug aus Deutschland ist steuerlich kein automatischer Schnitt. Wer Deutschland verlässt, beendet damit nicht zwingend sofort seine Pflichten gegenüber dem deutschen Fiskus. Entscheidend ist, was nach dem Wegzug zurückbleibt — und was nicht.

Kurz gesagt

  • Die unbeschränkte Steuerpflicht endet erst mit der tatsächlichen Aufgabe des letzten deutschen Wohnsitzes
  • Eine behaltene Wohnung genügt, um unbeschränkt steuerpflichtig zu bleiben — unabhängig vom Lebensmittelpunkt
  • Danach greift die beschränkte Steuerpflicht für alle Einkünfte aus deutschen Quellen
  • Wegzugsbesteuerung (§ 6 AStG) bei Beteiligungen ab 1 % und mindestens sieben von zwölf Jahren unbeschränkter Steuerpflicht
  • Zahlung auf Antrag in sieben zinslosen Jahresraten, i. d. R. gegen Sicherheitsleistung — einheitlich für EU/EWR und Drittstaaten
  • Planungsvorlauf: ein bis zwei Jahre vor dem geplanten Wegzug

Wann endet die unbeschränkte Steuerpflicht wirklich?

Die unbeschränkte Steuerpflicht endet mit der Aufgabe des letzten deutschen Wohnsitzes. Unbeschränkt steuerpflichtig bleibt jedoch, wer:

  • eine Wohnung in Deutschland behält,
  • eine Wohnung unter Umständen innehat, die darauf schließen lassen, dass er sie beibehalten wird, oder
  • sich mehr als sechs Monate im Jahr in Deutschland aufhält.

Das gilt unabhängig davon, wo der Lebensmittelpunkt liegt.

Was gehört zu einer sauberen Wohnsitzaufgabe?

Eine saubere steuerliche Abmeldung setzt die vollständige Aufgabe aller inländischen Wohnsitze voraus. Konkret bedeutet das:

  • Mietvertrag kündigen oder Eigentumswohnung veräußern beziehungsweise dauerhaft vermieten
  • keine Schlüssel mehr innehaben
  • keine jederzeitige Nutzungsmöglichkeit mehr haben

Vorsicht bei Vermietung im Familienkreis: Eine Wohnung, die formal an Dritte vermietet ist, aber jederzeit zurückgefordert werden könnte — etwa an Familienangehörige zu symbolischer Miete — kann nach Auffassung der Finanzverwaltung weiterhin einen Wohnsitz begründen. Hier sind die Maßstäbe streng.

Welche Einkünfte bleiben nach dem Wegzug steuerpflichtig?

Mit dem Ende der unbeschränkten Steuerpflicht beginnt gegebenenfalls die beschränkte Steuerpflicht. Sie erfasst alle Einkünfte aus deutschen Quellen:

  • Mieteinnahmen aus deutschen Immobilien — unterliegen weiterhin der deutschen Einkommensteuer, unabhängig vom Wohnsitz des Eigentümers.
  • Einkünfte aus einer deutschen Betriebsstätte oder Personengesellschaft — wer beteiligt ist, bleibt mit den darauf entfallenden Einkünften steuerpflichtig.
  • Vergütungen für im Inland ausgeübte Tätigkeiten — wer nach dem Wegzug gelegentlich in Deutschland arbeitet, ist damit beschränkt steuerpflichtig.
  • Dividenden und Zinsen aus deutschen Quellen — unterliegen dem Kapitalertragsteuerabzug, der in der Regel abgeltende Wirkung hat.

Was ist die Wegzugsbesteuerung nach § 6 AStG?

Sie betrifft natürliche Personen, die

  • in den letzten zwölf Jahren mindestens sieben Jahre in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtig waren, und
  • wesentliche Beteiligungen an Kapitalgesellschaften halten — also mindestens ein Prozent.

Beim Wegzug wird so getan, als ob die Anteile zum gemeinen Wert veräußert worden wären. Die dabei entstehenden stillen Reserven — die Differenz zwischen Anschaffungskosten und aktuellem Wert — werden als Einkommen versteuert, obwohl tatsächlich kein Verkauf stattgefunden hat.

Seit der Reform 2022 kann die Steuer auf Antrag in sieben gleichen Jahresraten gezahlt werden – zinslos, in der Regel gegen Sicherheitsleistung. Diese Ratenzahlung gilt einheitlich für den Wegzug in EU-/EWR- wie in Drittstaaten; die früher mögliche unbefristete EU/EWR-Dauerstundung gibt es nicht mehr.

Welche Rolle spielt das Doppelbesteuerungsabkommen?

Das DBA mit dem Zuzugsstaat bestimmt, welchem Land nach dem Wegzug das vorrangige Besteuerungsrecht für die verbleibenden Einkünfte zusteht. Für Einkünfte, die Deutschland als Quellstaat weiterhin besteuern darf — etwa Immobilieneinkünfte — sieht das DBA häufig die Freistellung im Zuzugsstaat vor.

Wichtig: Nicht jedes Land, in das Deutsche auswandern, hat ein DBA mit Deutschland. In diesem Fall gelten die nationalen Regelungen beider Staaten nebeneinander — was zu einer tatsächlichen Doppelbelastung führen kann.

Checkliste: Fünf Schritte vor dem Wegzug

  • Prüfen, ob eine Wegzugsbesteuerung nach § 6 AStG ausgelöst wird.
  • Klären, welche deutschen Einkünfte weiterhin der beschränkten Steuerpflicht unterliegen.
  • Das anwendbare DBA mit dem Zuzugsstaat prüfen.
  • Die Wohnsitzaufgabe dokumentieren — für steuerliche Zwecke.
  • Die steuerliche Abmeldung mit dem zuständigen Finanzamt abstimmen.

Häufige Fragen

Wann endet meine Steuerpflicht in Deutschland?

Die unbeschränkte Steuerpflicht endet mit der tatsächlichen Aufgabe des letzten deutschen Wohnsitzes. Die beschränkte Steuerpflicht für deutsche Einkünfte kann darüber hinaus fortbestehen.

Muss ich nach dem Wegzug noch eine deutsche Steuererklärung abgeben?

Ja, wenn weiterhin in Deutschland steuerpflichtige Einkünfte erzielt werden — etwa aus einer deutschen Immobilie oder Betriebsstätte. Die beschränkte Steuerpflicht begründet eine eigene Erklärungspflicht.

Was ist die Wegzugsbesteuerung?

Die Wegzugsbesteuerung nach § 6 AStG erfasst stille Reserven in wesentlichen Beteiligungen an Kapitalgesellschaften beim Wegzug aus Deutschland. Voraussetzung: mindestens sieben von zwölf Jahren unbeschränkte Steuerpflicht und eine Beteiligung von mindestens einem Prozent.

Kann ich eine Wohnung in Deutschland behalten, ohne steuerpflichtig zu bleiben?

Nein. Wer eine Wohnung in Deutschland behält, die er jederzeit nutzen kann, bleibt steuerrechtlich in Deutschland ansässig und damit unbeschränkt steuerpflichtig — unabhängig vom tatsächlichen Aufenthalt.

Ihre steuerliche Situation ist individuell

Der Wegzug aus Deutschland ist steuerlich einer der komplexesten Vorgänge im Leben eines Steuerpflichtigen. Eine frühzeitige Planung — idealerweise ein bis zwei Jahre vor dem geplanten Wegzug — kann erhebliche steuerliche Konsequenzen vermeiden. Wir beraten auf Deutsch, Englisch, Russisch und Italienisch.